"Gesunde Ernährung für Alle!"

"Gesunde Ernährung für Alle!"

Bericht zur Fachtagung am 14. April 2016 in Schwechat

Das Netzwerk Gesunde Städte in Schwechat: „Gesunde Ernährung für Alle“

Das Netzwerk Gesunde Städte begibt sich im Themenschwerpunkt des Jahres 2016 „Integration von sozioökonomisch Benachteiligten in die kommunale Gesundheitsförderung“ auf die Suche nach Wegen sogenannte schwer erreichbare Zielgruppen besser zu erreichen. In einem zweitätigen Seminar im Rahmen des FGÖ Bildungsnetzwerks gelang in Linz mit der Referentin Simone Meidl von AVOS Salzburg im März ein Einstieg ins Thema. Dabei wurde klar, dass ein persönliches, offenes Zugehen auf unterschiedliche Personengruppen für die Teilhabe an Gesundheitsförderungsprojekten unerlässlich ist. Oft wird in der Gesundheitsförderung für Einladungen oder Informationen die Schriftform gewählt. Gruppen, die eine mündliche und persönliche Kommunikationskultur pflegen, fühlen sich damit jedoch kaum angesprochen.

Im Zeichen des Themenschwerpunkts 2016 stand auch das jüngste Netzwerktreffen am 14. und 15. April in Schwechat, zu dem rund 20 Teilnehmende aus den Gesunden Städten anreisten. Schwechats Bürgermeisterin Karin Baier und die stellvertretende Vorsitzende des Netzwerks Marianne Klicka eröffneten die Fachtagung „Gesunde Ernährung für Alle“. Frei nach dem WHO-Motto „Gesundheit für Alle!“ ist die Vermittlung einer Gesunden Ernährung für alle Bürgerinnen und Bürger ein Anliegen der Gesunden Städte. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen mit den Mitteln der kommunalen Gesundheitsförderung oft nicht erreicht werden können. Das Ziel der Fachtagung war eine Einführung in die Zusammenhänge zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit und anhand von Praxisbeispielen zu zeigen, wie die Förderung einer Gesunden Ernährung auch bei „schwer erreichbaren“ Zielgruppen gelingen kann.

Zum Einstieg referierte Mag.a Gudrun Schlemmer, eine Mitarbeiterin von Styria Vitalis, über das Projekt „KostBar“. Damit ist ein aufsuchendes Ernährungsprojekt gemeint, das sich die Förderung von Eltern- und Großelternkompetenz zu gesundem Essen und Trinken bei sozioökonomisch benachteiligten Personengruppen zum Ziel gesetzt hat. In Folge sollen dadurch die Gesundheitschancen von Kindern mit sozialer Benachteiligung verbessert werden. Mit der „KostBar“ wird ein aufsuchender Ansatz verfolgt. Der mit dem Fahrrad transportfähige Informationsstand kommt zum Beispiel beim Picknick im Park, beim Elternsprecht oder beim interkulturellen Frühstück zum Einsatz und schafft damit viele persönliche Kontakte. Dabei wurde klar, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status nicht unbedingt ein Defizit an Ernährungsinformation haben sondern oft die Gegebenheiten des Alltagslebens, die mit knappen Ressourcen zusammenhängen, das vorrangige Hindernis zur Umsetzung eines gesunden Lebensstils sind.

Ein weiteres Ernährungsprojekt mit der Bezeichnung „Community Cooking: Gemeinsam kochen – gemeinsam essen – gemeinsam leben“ wurde von Projektleiterin Angela Huber der Caritas Wien vorgestellt. Dieses Projekt legt den Schwerpunkt auf das Miteinander und fördert durch gemeinsames Kochen und Essen den sozialen Zusammenhalt in der Nachbarschaft und gleichzeitig das Bewusstsein für gesunde Ernährung. Im Zentrum des Projekts steht eine Gemeinschaftsküche in der alten Brotfabrik in Wien, die zum interkulturellen Austausch via Kochen und Essen genutzt wird. Die Angebote gehen jedoch weit darüber hinaus: Kochrunden, Workshops, Vorträge, gemeinsames Einkaufen bis hin zu Exkursionen zu lebensmittelproduzierenden Betrieben werden durchgeführt.

Der Sozialexperte Mag. Martin Schenk stellte in seinem Vortrag die ursächlichen Zusammenhänge zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit in den Fokus. Die eingeschränkten Möglichkeiten, die mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen einhergehen, bedingen schlechtere Lebensumstände und führen zu geringeren Gesundheitschancen. Aber das Thema wäre zu kurz gegriffen, wenn wir nur die äußeren Lebensumstände betrachten würden. Der Mangel an Möglichkeiten geht mit einem latenten Gefühl von Ausgegrenzt-Sein statt Freundschaft, Ohnmacht statt Selbstwirksamkeit und Beschämung statt Anerkennung einher – eine giftige Mischung für die seelische Gesundheit. Scham und Stress sind die Folge und führen zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen und letztlich zu einem früheren Tod. Dass armutsbetroffene Kinder im Mittel um sieben Jahre früher sterben als Kinder aus wohlhabenden Familien ist ein traurige Tatsache. Im gedanklichen Hamsterrad der täglichen existentiellen Sorgen sinkt noch dazu die Kreativität und die Fähigkeit der Problemlösung – ein Phänomen, dass Martin Schenk als „Psychologie der Knappheit“ bezeichnet.

Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag der Ernährungswissenschafterin Mag.a Christina Lachkovics-Budschedl mit dem Titel „Erfolgsstrategien zur Prävention und Therapie ernährungsbedingter Erkrankungen und Übergewicht besonderer und/oder schwer erreichbarer Zielgruppen“. Mit Begeisterung vermittelt sie Tipps und Tricks, wie mit einfachen Mitteln das Ernährungsverhalten verbessert werden kann.

Im Anschluss an die Fachtagung wurde der Vorstand des Fördervereins der Gesunden Städte neu gewählt. VzBgm.in Mag.a Gerda Sandriesser stehen als Vorsitzende und Marianne Klicka als 1. Stellvertreterin für eine weitere Periode an der Spitze des Netzwerks. Am Freitag stand bei der 67. Ausschusssitzung der traditionelle Informations- und Erfahrungsaustausch im Zentrum. Auch die Vorbereitungen für das Jubiläumsjahr 2017 wurden diskutiert: das Netzwerk Gesunde Städte Österreichs feiert sein 25-jähriges Bestehen.

Zum nächsten Netzwerktreffen zum Thema „Verhaltenssüchte“ ladet die Stadt Villach am 22./23. September ein und 2017 wird besucht das Netzwerk Leonding und St.Pölten besuchen.

 

 

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