Nachlese zur Fachtagung am 22.9.2016 in Villach

Nachlese zur Fachtagung am 22.9.2016 in Villach

Verhaltenssüchte - Prävention, Früherkennung, sowie ambulante und stationäre Versorgung in Villach

 

Bericht zur Fachtagung in Villach am 22.9.2016

Tagungsort:

Kleiner Bambergsaal, Altes Parkhotel Villach

Moritschstraße 2, 9500 Villach
Krankenhaus de la Tour 
De la Tour Str. 28, 9521 Treffen 

 

Verhaltenssüchte (substanzungebundene Süchte) rücken als Gesundheitsproblem immer stärker in den Fokus der öffentlichen Debatte und der Wissenschaft. Diesem Trend folgend widmete das Netzwerk Gesunde Städte Österreichs erstmals eine Fachtagung diesem brisanten Thema. 

Nach der Eröffnung der Tagung durch Vzbgm.in Mag.a Gerda Sandriesser übernahm Den inhaltlichen Auftakt Mag.a Ilse Woods-Pertl vom Jugendreferat der Stadt Villach. Sie stellte und das „Netzwerk Prävention“ vor, das 2001 auf Initiative der Stadt Villach und der Caritas Kärnten als „Netzwerk Sucht“ gegründet wurde. Es stellte sich heraus, dass die Eingrenzung auf das Thema Sucht zu eng war, und die Ausweitung der Themenfelder auf Prävention eher den Gegebenheiten entspricht, so dass nun eine breite Palette von Netzwerkmitgliedern aus den Bereichen Gesundheit, Soziales, Bildung und Sicherheit zusammen wirken. Die Aktivitäten reichen von wechselseitiger Information und Koordination der Angebote, der Erstellung von gemeinsamen Informationsfoldern über Publikumsveranstaltungen und Schwerpunkttage an Schulen. Der Nutzen des Netzwerks lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Wenn jemand Hilfe braucht, wird die passende Stelle rascher gefunden.“ Damit ist das Netzwerk Prävention ein wichtiger Beitrag zur Effizienz der Hilfsangebote. Zur Nachlese sind weitere Informationen den Präsentationsfolien im Anhang zu entnehmen und noch mehr ist auf der Website des Netzwerks Prävention zu http://www.ju.villach.at/netzwerk-praevention/

 

Nach einer kurzen Pause brachte uns ein Bus nach Treffen zum Krankenhaus de La Tour, das eine Suchtstation und Spielsuchtambulanz betreibt. Die ärztlichen Leiterin Prim.a Dr.in Renate Clemens-Marinschek und der psychologischen Leiterin Mag.a Bettina Quantschnig präsentierten dort wissenswertes über Verhaltenssüchte und insbesondere über Spielsucht und die Behandlungsangebote am Krankenhaus de La Tour. Im Folgenden eine kleine Auswahl davon:

Zur Epidemiologie des Glücksspielverhaltens in Österreich[1]:

·      „stabiles“ Glücksspielverhalten in der österreichischen Bevölkerung (41%)

·      Größter Risikobereich: Automatenspiel

·      Häufigstes Glücksspiel: Lotto „6 aus 45“ 

·      ca. 1% der Spieler (64.000 Personen) zeigten problematisches oder pathologisches Spielverhalten

·      Männer öfter betroffen als Frauen

·      Sportwetten nehmen bei Abschaffung von Automatenspiel zu, sind aber nicht als Glücksspiel eingestuft (Geschicklichkeitsspiel) – das sollte geändert werden

·      Trend: Zunahme der Online-Problematik, Klienten werden jünger

Zur Diagnostik von Verhaltenssüchten: 

·      Erklärungsmodelle und Ausdifferenzierung fehlen oder nicht ausreichend entwickelt

Aspekte des Glücksspiels:

·      „Sensation seeking“

·      Euphorie

·      Macht und Ansehen

·      Stressreduktion durch Stressinduktion

·      Realitätsflucht und Spielatmosphäre (z.B. in die Spiel-Lokale kann man nicht hinaus  oder hineinschauen)

·      Veränderte Kognitionen:

o   Unrealistische Gewinnerwartung 

o   „Das magische Denken“: die Illusion das Spielgeschehen „magisch“ beeinflussen zu können 

Zur Pathologie von Spielsucht:

·      Komorbidität (eine andere psychische Störung liegt vor oder wird von der Spielsucht „verdeckt“) ist bei Spielsucht häufiger als bei vielen stoffgebundenen Suchtformen

·      hohe Suizidgefahr unter Spielsüchtigen

Pathologischer Internet-, Computer und Mediengebrauch:

·      Smartphone – Gebrauch: ständiger Kontakt über soziale Medien möglich, Multitasking wird zur Selbstverständlichkeit

·      Lebensschwerpunkt verschiebt sich vom Realen ins Virtuelle – Abtauchen in virtuelle Welten – Zeitgefühl geht verloren

·      Starke Verbindlichkeiten im Netz

·      Kontrollverlust über die Art und Häufigkeit des Konsumverhaltens

Problematisches Kaufverhalten:

·      Kaufen von unnötigen Waren oder großen Mengen 

·      Nicht Gebrauchswert sondern das Gefühl beim Kaufen steht im Mittelpunkt (Kaufrausch)

·      Verhalten dient der Kompensation  von Defizite durch nicht erledigte Probleme

 

Zum Therapieangebot:

·      Das Therapieangebot ist auf der Website dargestellt: https://www.diakonie-delatour.at/krankenhaus-de-la-tour

·      Wichtig ist die Multiprofessionelle Behandlung. Die Sozialarbeit ist u.a. wegen der Spielschulden wichtig

·      Die „Leere“ durch sinnvolle Beschäftigung füllen

·      6 Monate Wartezeit auf einen Therapieplatz ist zu lang, das Angebot sollte ausgebaut werden.

·      Weit reichende Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im Feld

Zur Diskussion im Anschluss an die Vorträge: Was kann zur Prävention getan werden?

·      Alternative Angebote für Jugendliche anbieten, Jugendliche bei der Angebotsgestaltung einbinden

·      Kritisches Bewusstsein fördern, für das Problem sensibilisieren

·      Erkennen von problematischem Spielverhalten (bei sich oder bei anderen): wenn andere Lebensbereiche unter dem Spielen leiden

Zum Abschluss wurden wir in Kleingruppen durch das Haus geführt und durften einige Angebote sehen (verschiedene Angebote der Kreativ- und Beschäftigungstherapie wie z.B. Holzbearbeitung, Korbflechten, Tonbearbeitung, Seidenmalen ...)

 

[1] Bericht von J. Kalke und F.M. Wurst: Glücksspielverhalten und Glücksspielprobleme in Österreich (2015):  http://www.isd-hamburg.de/dl/Repraesentativbefragung_2015_Bericht_final.pdf

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