Netzwerktreffen in Graz am 7.-8. November 2019

Netzwerktreffen in Graz am 7.-8. November 2019

74. Ausschusssitzung und Fachtagung „Städte als Gesundheitslotsen – Beispiele aus Graz“

74. Sitzung des Städtebund-Ausschusses „Netzwerk Gesunde Städte Österreichs“

ORT: Media Center, Rathaus, Hauptplatz 1, 8011 Graz
SITZUNGSBEGINN: 7.11. 2019 um 12:30

Tagesordnung:

1    Eröffnung
2    Kurzpräsentation und Diskussion zu einer möglichen Kooperation mit dem geplanten EU-Projekt „CityFood2030“ 
3    Planungen zum Projekt „Prävention sozialer Isolation im Alter“
4    Informationen, Berichte, Veranstaltungen
4.1... Nächste Netzwerktermine
4.2... Aktuelle Publikationen aus dem Gesundheitsbereich
5    Austausch der Mitgliedsstädte
6    Rundgang – Taubenpopulationsmanagement
7    Besichtigung „Kontaktladen & Streetwork im Drogenbereich“
 

Bericht zur Fachtagung:  „Städte als Gesundheitslotsen – Beispiele aus Graz“

Freitag, 8. November 2019; Tagungsort: Media Center, Rathaus, Hauptplatz 1, 8011 Graz

Programm der Fachtagung:

8:30 Eröffnung

8:45 Das „Soziale Rezept“ (Social Prescribing) – das soziale Miteinander als Medizin
Dr.in med. univ. Eva Pilz
Gesundheit Österreich GmbH, Geschäftsbereich BIQG

9:30 Pflegedrehscheibe
Mag. Rieder Norma
Magistrat Graz, Sozialamt, Fachbereich Pflege/Planung/Controlling

10:45 familiy@graz
Drin. Pamperl Ines
Magistrat Graz, Amt für Jugend und Familie, ärztlicher Dienst

Vortrag 1: Das „Soziale Rezept“ (Social Prescribing) – das soziale Miteinander als Medizin
Dr.in med. univ. Eva Pilz, Gesundheit Österreich GmbH, Geschäftsbereich BIQG

Dr.in Eva Pilz ist praktizierende Allgemeinmedizinerin und Mitarbeiterin der Gesundheit Österreich GmbH. Ihre Praxis liegt im 15. Wiener Gemeindebezirk in einer Wohnumgebung mit einem hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund und/oder mit knappen finanziellen Ressourcen. Wenn eine Komponente „benachteiligt“ ist, zieht das oft andere nach sich und wirken sich in Summe nachteilig auf die Gesundheit aus. Der 15. Bezirk in Wien wäre also eine prädestinierte Region für „Social Prescribing“

Sozialen Indikationen wird derzeit meist nicht begegnet und „social prescribing“ kann das ergänzen. Dabei werden soziale Indikatoren abgeklärt, Hilfestellungen angeboten und es besteht die Möglichkeit etwas anderes als ein Medikament zu verschreiben wie z.B. Nordic Walking, Tanzen, musikalische Aktivitäten. Ein sogenannter „Link Worker“ ermittelt gemeinsam mit den Betroffenen die Bedürfnisse und vermittelt passende Angebote. Evaluierungen aus England zeigen eindeutig die Wirksamkeit dieser Methode, auch wenn es sich dabei „nur“ um Befragungen handelt. Eine Absicherung durch z.B. Fall-Kontroll Studien steht noch aus.

Das National Health Service in England stellt Ressourcen für Social Prescribing zur Verfügung und will die Zahl der Link Worker weiter erhöhen. Als Modell aus England präsentiert Eva Pilz das „Bromley by Bow Centre“, das bereits 1984 gegründet wurde um Social Prescribing in einem armen Londoner Stadtteil mit hohem Migrantenanteil umzusetzten.

Das Aufgabenprofil für die Primärversorgung im Österreichischen Strukturplan Gesundheit geht auf psychosoziale Risikofaktoren ein und fordert unter anderem Maßnahmen zur Befähigung (wie z.B. Unterstützung im Selbstmanagement, Anleitung zur Selbstversorgung). Das ist aber kaum gelebte Praxis in Österreich. Auch die Vorstellungen der PatientInnen widersprechen derzeit solchen Maßnahmen. Nach wie vor wird eher die Verschreibung eines Medikaments gefordert und soziale Angebote wenig angenommen. Die Einrichtung von Primary Health Care Centers könnte hier einen Wandel herbeiführen. Die Umstellung braucht Zeit und ein multiprofessionelles Team.

Bestehende Beispiele aus Österreich, die in Richtung „soziales Rezept“ weisen, sind z.B. die Aktion „Hunger auf Kunst & Kultur“ vom Schauspielhaus Wien und einige Initiativen der kommunalten Gesundheitsförderung wie sie auch in den Programmen zur „Gesunden Gemeinde“ anzufinden sind.  Zur Erforschung von sozialen Verschreibungen in Österreich führt die FH St. Pölten das Projekt  „gemeinwesenZentrum“ in Orth an der Donau durch.

In einem Workshop an der GÖG zum Thema Social Prescribing wurde gesammelt, welche Maßnahmen Österreich brauchen würde, damit das soziale Rezept umsetzbar wäre. Darunter finden sich Informationskampagnen und andere Maßnahmen für einen Kulturwandel, Ausbildung von Link Workern und passende Finanzierungsformen. Das Programm zur Einführung der „Frühen Hilfen“ geht in diese Richtung. Besondere Bedeutung kommt der Kommunikationsschulung von Ärztinnen und Ärzten zu. Erst in Schulungen wird dabei oft klar, dass die in der Praxis üblichen Kommunikationsweisen weniger geeignet sind als gedacht.

 

Vortrag 2: Pflegedrehscheibe
Mag. Rieder Norma , Magistrat Graz, Sozialamt, Fachbereich Pflege/Planung/Controlling

Mag.a Norma Rieder leitet den Fachbereich Pflege/Planung/Controlling des Magistrats Graz. Der Teilbereich Pflege und Betreuung umfasst die Pflegedrehscheibe, Mobile Dienste, Tagesbetreuung, Betreutes Wohnen, Betreubares Wohnen und Gerontopsychiatrische Angebote. Die Abteilung ist auch für Kontrolle und Umbauten der 20 Pflegeheime im Grazer Stadtgebiet zuständig.

Die Pflegedrehscheibe ist eine zentrale Anlaufstelle für alle Fragen bezüglich Pflege und Betreuung. Viele Funktionen der Pflegedrehscheibe existieren schon länger, waren aber nur intern sichtbar. Seit 2015 besteht auch ein Lokal und die Bevölkerung wird z.B. mit einem Stand auf Märkten direkt angesprochen. Wenn während der Beratung klar wird, dass eine intensivere Betreuung angebracht ist, kann eine Aufnahme in das Case Management direkt erfolgen. 50 bis 60 Fälle werden im Case Management betreut, die auch aus anderen Einrichtungen wie Gerichte oder Krankenhäuser übernommen werden. Über drei Jahre Beobachtung zeigt sich eine stark steigende Inanspruchnahme der Services. Der Erfolg der Pflegedrehscheibe kann auch daran gesehen werden, dass in einigen Bezirkshauptmannschaften in der Steiermark ähnliche Einrichtungen eröffnet werden.

Bei der Tagesbetreuung außer Haus sind die Demenztageszentren hervorzuheben. Sie sollen entlasten durch den Aufenthalt und die Übernahme pflegerischer Aufgabe pflegende Angehörige und ermöglichen damit nach dem Prinzip „ambulant vor stationär“ einen längeren Verbleib zu Hause.

Die Bezeichnung „Betreutes Wohnen“ weckt oft Erwartungen, die in dieser Wohnform nicht erfüllt werden können oder extra kosten. Unter dem Begriff werden barrierefreie Wohnung mit stundenweiser Betreuung angeboten. Bei Bedarf ist Hauskrankenpflege trotzdem notwendig.

Als „Betreubares Wohnen“ werden unterschiedliche Angebote freier Träger bezeichnet, die nicht systematisch gefördert werden. Das Service ist oft adäquat und an stationäre Pflege angegliedert, aber kostenintensiv in der Größenordnung von 1800 EUR pro Monat.

Im Albert Schweitzer Trainingszentrum können pflegende Angehörige pflegerisches Knowhow erlernen, damit die Pflege zu Hause besser und leichter erfolgen kann.

Vortrag 3: familiy@graz

Drin. Pamperl Ines, Magistrat Graz, Amt für Jugend und Familie, ärztlicher Dienst

Das Amt für Jugend und Familie Ärztlicher beherbergt in Graz einen ärztlichen Dienst mit einem multiprofessionellen Team aus 22 MitarbeiterInnen (ÄrztInnen, Sozialarbeit, Hebammen, Pädagoginnen etc.). Das Team bietet kostenlose Beratungs- und Untersuchungsangebote zu allen Gesundheitsfragen für Kinder und Eltern an.

  • Guter Start in die Elternschaft: Geburtsvorbereitungskurs, Beratung und Wissensvermittlung zu Themen rund um die Geburt
  • Willkommen in Graz: persönlicher Besuch auf Geburtenstationen (auf Wunsch auch Hausbesuch), Willkommensmappe, kann als Urkundenmappe verwendet werden, wesentliche Informationen, keine Informationsflut
  • Elternberatung: Medizinische Untersuchung und Treffpunkt. Bonussystem fürs Mitmachen
  • Information für frischgebackene Eltern
  • Klein hat’s fein Familienpass: Schwangerschaft und 0-3 Jahre, Beratung, Information, Austausch – für genutzte Angebote gibt es Punkte, die gegen Graz-Gutscheine eingetauscht werden (Stempelkarte gibt es einmal pro Kind bis zum 3. Lebensjahr)
  • Datenbank „family@graz“ – bietet Überblick über Angebote und Leistungen für werdende Eltern und Familien. Aktualisierung der Angebote funktioniert über Eigenverantwortung der Anbieter.

 

 

 

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