Arbeitskreis 2 „Die bunte Stadt – Integration und Migration gestalten“ Teil 2
Arbeitskreis 2 „Die bunte Stadt – Integration und Migration gestalten“ Teil 2
Integrationswohnhaus und Schulung von BetreuerInnen
Bürgermeisterin Mag.a Brigitte Schwarz, Kapfenberg
„Kapfenberg kann zahlenmäßig mit den Vorrednern weder mit Wien noch mit Dornbirn noch mit Salzburg mit. Kapfenberg ist eine Stadt, die ungefähr 22.000 Einwohner hat, und wir haben einen AusländerInnenanteil, der sich um die 10% bewegt. Das Problem, das Kapfenberg hat: Kapfenberg ist eine langgezogene Stadt. Sie besteht aus unterschiedlichsten Siedlungsgebieten, und naturgemäß ist daher auch die Verteilung unserer ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in den einzelnen Gebieten eine unterschiedliche.
Den höchsten Anteil stellen bei uns Einwanderinnen und Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien – wir haben also weniger das ‚Problem‘, ich bitte, das nicht misszuverstehen, mit islamischer Bevölkerung –, und ein Anteil, der sich durch die Einrichtung des Integrationshauses gesteigert hat, ist der Zuzug aus Tschetschenien.
Kapfenberg hat eine lange Tradition als Stadt, in der Menschen Zuflucht gefunden haben. Das hat 1956 mit Ungarn begonnen und hat jetzt quasi mit der letzten Einwanderungswelle aus Tschetschenien einen vorläufigen Höhepunkt gefunden.
Nachdem bereits so viel über Grundsätze der Migrationspolitik, der Integrationspolitik gesagt worden ist, möchte ich es mir ersparen, diese Dinge zu wiederholen. Vielleicht nur ein paar Dinge, die uns sehr wichtig waren.
Wir waren der Meinung, dass Integrationspolitik, Integrationsarbeit etwas ist, was naturgemäß eine längerfristige, eine langfristige Auseinandersetzung der Kommune mit diesem Thema zur Folge haben muss. Und wir waren auch der Meinung, dass das nur funktionieren kann, wenn Politik und Verwaltung gemeinsam an einem Strang ziehen und nicht von der Politik ein Auftrag kommt, der von der Verwaltung nicht mitgetragen wird. Daher war es uns auch sehr wichtig, das auch in beiden Leitbildern – sowohl im Leitbild der Stadt als auch im Leitbild der Stadtverwaltung – als Thema zu verankern. Und ganz besonders wichtig war es uns auch von Anfang an, bei jedem Schritt dieser Integrationspolitik ExpertInnen einzubinden, und als ExpertInnen haben wir all jene betrachtet, die sich sehr viel intensiver als wir bis dahin damit auseinandergesetzt haben, nämlich Organisationen, die das Thema schon sehr lange bearbeitet haben, ehrenamtliche Ressourcen, vor allem aber auch Vertreterinnen und Vertreter der Zuwanderer und Zuwanderinnen selbst. Sonst, waren wir der Meinung, kann das nicht funktionieren.
Ich habe schon gesagt, Migration und Zuwanderung sind bei uns seit Jahrzehnten Realität. Wir haben uns darauf geeinigt, das in der Leitlinie so festzustellen, mit einem ganz besonderen Punkt, nämlich: dass Zuwanderung eine Bereicherung für die gesamte Region ist.
Wie schaut es konkret aus? – Ich spreche jetzt die Dinge an, die die Stadtgemeinde Kapfenberg selbst initiieren und betreiben kann. Das Integrationswohnhaus ist ja nichts, was von der Stadt betrieben wird, sondern das ist etwas, mit dem wir von Anfang an ‚lernen mussten‘ zu leben.
Wir haben die Integrationsaufgaben im Bereich Bürgerbüro und Sozialwesen angesiedelt. Die Hauptbeauftragte ist die Leiterin des Referates mit einer Sachbearbeiterin und einem externen Berater, der aus dem Migrationsbereich kommt. Wir haben im Rahmen der EFF-Projekte fünf Personen beschäftigt, die sich vor allem um die Deutsch- und Integrationskurse gekümmert haben, die damit beauftragt waren, Netzwerkarbeit zu leisten, das heißt die einzelnen Vereine und Institutionen zu koordinieren, und die sich vor allem um den Bereich, auf den ich etwas näher eingehen möchte, nämlich die Dolmetsch- und Vermittlerdienste gekümmert haben, und die auch verantwortlich waren für die Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile haben wir zehn Dolmetscher und VermittlerInnen, ja mittlerweile sind es sogar schon etwas mehr geworden, aber ganz wichtig war von Anfang an auch die Einbindung der ehrenamtlichen Personen, die sich damit beschäftigen. Das waren in erster Linie Mitglieder des Integrationsarbeitskreises, und dabei gibt es eine spezielle Frauengruppe. Wir haben auf politischer Ebene eine Gemeinderätin, die die Referentin für Integrationsfragen ist.
Was die finanziellen Mittel angeht, so träumen wir von einem Budget, wie Wien es zum Beispiel hat. Wir haben pro Haushaltsjahr 13.000 Euro vorgesehen, wobei aber die Personalkosten für die MitarbeiterInnen im Bürgerbüro nicht eingerechnet sind. Wenn Sie so wollen, das ist wirklich die freie Finanzspitze, die wir für Projekte haben.
Die Dolmetsch- und Vermittlerprojekte haben relativ gut begonnen. 2001/2002 gab es dafür rund 58.000 Euro; der Anteil der Stadt betrug jeweils 10%. Diese Projekte haben bis 2004/2005 recht gut funktioniert – das heißt, die Projekte funktionieren immer noch, aber mittlerweile hat man uns das Projekt, das immer als Musterbeispiel für Integrationsarbeit betrachtet wurde, für heuer leider abgelehnt. Das heißt, wir haben für 2005/2006 keine Mittel aus dem EFF bekommen. Wir werden es trotzdem weiter machen und müssen eben andere Geldquellen suchen, um diese, wie wir glauben, wichtige Arbeit trotzdem fortführen zu können.
Das ist einer dieser Spannungspunkte: Der Bund beauftragt die Länder mit Aufgaben, nicht nur in diesem Bereich, aber im Endeffekt sind wir sehr häufig allein, wenn es darum geht, die Dinge auch zu finanzieren.
Welche Aktivitäten sind von Seiten der Stadt selbst gesetzt worden? – Uns war wichtig, permanente Stadtteilbegehungen zu forcieren. Dieses erfolgt durch Mitglieder des Arbeitskreises. Wir haben einige Stadtteile, in denen der AusländerInnen-Anteil höher ist – der höchste liegt um die 29% –, in anderen haben wir nur 2 bis 5%, aber es war ganz wichtig, immer wieder dort hinzugehen. Das heißt, die gehen hin, läuten an und fragen die Personen, die dort wohnen, ob es Probleme gibt, ob sie irgendwie helfen können, und das kommt eigentlich sehr gut an, sowohl bei unseren ausländischen MitbürgerInnen als auch bei den ÖsterreicherInnen.
Es gibt vierteljährliche Kommunikations- und Diskussionsrunden in den Stadtteilen, wo Wünsche, Beschwerden und Anregungen geäußert werden können. Wir haben für alle, die nach Kapfenberg kommen, eine Hilfe zur Orientierung zusammengestellt. Das ist eine Mappe mit den wichtigsten Informationen, die man so brauchen kann; die gibt es in sechs Sprachen. Wir haben gemeint, natürlich ist die Sprache ganz wichtig, es müssen kostenlose Deutsch- und Integrationskurse genauso wie kostenlose Lernhilfe angeboten werden. Zur frühen Sprachförderung möchte ich dann extra noch etwas sagen.
Und ganz wichtig war uns von Anfang an, die Frauen, die es bei der Integration immer am schwersten haben, auch ganz besonders zu bevorzugen.
Zum Dolmetsch- und Vermittlerdienst. – Ich erzähle Ihnen wahrscheinlich nichts Neues, wenn ich sage, dass Verständigungsschwierigkeiten der häufigste Grund für Missverständnisse und für Konflikte sind. Daher haben wir gemeint, es wäre sehr gut, wenn es Menschen gäbe, die als Vermittler zwischen Behörden, Ärzten, Einrichtungen und den Migrantinnen und Migranten fungieren könnten. Das heißt, Ziel war es, eine effizientere, vor allem aber eine bedürfnisorientierte Zusammenarbeit mit den MigrantInnen zu erreichen.
Eingesetzt werden unsere Dolmetscher und Vermittler in Beratungsgesprächen, bei Hilfe in Krisensituationen, bei Sprechstunden sowohl in der Schule als auch im Kindergarten, bei Arztbesuchen und Behördenwegen. Das heißt, jemand, der das gerne möchte – das kann auch der Arzt selbst sein –, kann bei uns im Bürgerbüro anrufen und sagen: Bitte, ich brauche jemanden. Könnt ihr mir jemanden zur Verfügung stellen?, und es wird dann auch jemand zur Verfügung gestellt. Da gibt es auch eine eigene Broschüre.
Wie wird man jetzt Dolmetsch oder Vermittler? – Da gibt es ein eigenes Auswahlverfahren. Die Personen, die sich dafür interessiert haben, sind geschult worden. Da gab es meist das übliche Gruppenfindungsseminar, aber auch Fünftagesseminare, und ganz wichtig war uns auch ein verpflichtendes Praktikum in einer Einrichtung, beziehungsweise einen Praxisfall unter Supervision zu absolvieren, und es musste auch eine Abschlussarbeit vorgelegt werden. Eine Weiterbildung für die Dolmetscher und VermittlerInnen ist auf Wunsch möglich.
Der zweite Schwerpunkt, der sich im letzten Jahr für uns herausgebildet hat, war die frühe Sprachförderung. Die hat ohnehin in den Kindergärten, ähnlich wie in Salzburg, bereits funktioniert, aber dann kam die ‚tolle‘ Idee der Frau Ministerin Gehrer mit dem Sprachticket: Sprachförderung im Ausmaß von 50 Minuten und Kind um umgerechnet 66 Cent.
Jetzt haben wir uns natürlich die Frage gestellt: Was machen wir, wenn Eltern zu uns kommen mit diesem Ticket und meinen, ihr Kind kann jetzt 120 Stunden Sprachförderung bekommen? Wie organisieren wir das? Wir wollten das nicht in die Kindergärten auslagern, weil viele dieser Kinder, die das betroffen hat, nicht Kindergartenkinder waren, das heißt keinen Kindergartenbeitrag bezahlt haben, und wir von vornherein dieses Konfliktpotenzial vermeiden wollten, dass Eltern sagen: Mein Kind muss für den Kindergarten bezahlen, und auf einmal kommen da jetzt Kinder daher, die nichts bezahlen – und die werden extra gefördert!
Wir haben also, nachdem wir eine tolle Einrichtung haben, nämlich einen integrierten Sozial- und Gesundheitssprengel, diesen dazu ‚verwendet‘, das zu machen. Zwei Kindergärtnerinnen, die auch Ausbildung in Sprachfrühförderung haben, arbeiten jetzt in kleinen Gruppen mit diesen Kindern, und die Stadtgemeinde zahlt das, was unserer Meinung nach bezahlt werden soll für eine solche Tätigkeit, dazu.
An sich eine gute Idee, diese Sprachförderung, nur: Der Bund beschließt, die Umsetzung für die Kommunen ist aber, so wie es vorgegeben wird, eigentlich unmöglich. Im Augenblick haben wir 14 Kinder, die hier zweimal wöchentlich zwei Stunden bis zum Schulschluss unterrichtet werden.
Das waren jetzt einmal die Punkte, die heute vielleicht noch nicht gekommen sind.
Integrationswohnhaus. – Da muss ich vorausschicken, es war für uns im ersten Moment nicht wirklich sehr angenehm, zu erfahren, dass ein Integrationswohnhaus in Kapfenberg errichtet werden soll, aber nicht, weil wir keine fremdländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gewollt hätten, sondern weil der Standort, der ausgesucht wurde, finde ich, eine Katastrophe ist. Er liegt etwas außerhalb von jeglicher Infrastruktur, ist schwer zu erreichen. Es ist auch für die MigrantInnen nicht sehr einfach, von dort weg zu einem Nahversorger in die Stadt zu kommen. Und das Haus, das gewählt wurde, war in unseren Augen ein reines Spekulationsobjekt des Vorbesitzers.
Wir wollten nicht das Integrationswohnhaus an sich verhindern, sondern – das waren auch die Anfangsschwierigkeiten, von denen Herr Dr. Janda vorhin gesprochen hat – wir wollten einen besseren Standort haben. Wir haben ihn jetzt dort, und daher versuchen wir auch das Beste daraus zu machen, was zum Beispiel dazu führt, dass wir die Kinder, die in die Kindergärten oder in die Schulen gehen, dort mit Bussen abholen lassen. Man kann nicht im nächsten Kindergarten den AusländerInnen-Anteil auf 90% schrauben, denn wir haben vier, fünf andere Kindergärten und Schulen, wo man das besser verteilen kann.
Grundsätzlich sind im Integrationswohnhaus 150 Flüchtlinge untergebracht. Eröffnet wurde es 2004. Die Ziele im Integrationswohnhaus sind ähnlich, wie wir sie in jeder Integrationsarbeit finden. Nicht nur die Vermittlung von Deutschkenntnissen ist sehr wichtig – und das wird im Integrationswohnhaus auch wirklich ganz toll gemacht –, sondern auch die ‚Einführung‘ in das politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umfeld in Österreich. Das heißt also, nicht nur Deutschkurse zu machen, sondern ihnen auch zu zeigen, wie dieses Land ausschaut, in dem sie jetzt leben, und wo sie sich wiederfinden können.
Ein wichtiger Punkt ist die Integration in den Arbeitsmarkt, und ganz wichtig ist auch, nachdem sehr viele dieser BewohnerInnen schwer traumatisiert sind, vor allem die Kinder, die Stabilisierung der psychosozialen Situation. Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch die Orientierungshilfe, um diesen Menschen nach den fürchterlichen Dingen, die die meisten von ihnen miterleben mussten, das Alltagsleben zu erleichtern. Es geht auch um eine umfassende Sozialbetreuung, um Arbeitssuchetraining, Sprachkurse für Mütter.
Das Problem im Integrationswohnhaus ist, die Menschen sind knapp ein Jahr da – und dann werden sie weitergeschickt. Wir versuchen, diese Menschen ein bisschen im Auge zu behalten, zu schauen, wie es ihnen geht, nachdem sie aus dem Integrationshaus hinaus mussten, und ein bisschen weiterzuverfolgen, wohin sie gehen.
Eine der nächsten Stationen ist Eisenerz. Ich war, bevor ich Bürgermeisterin geworden bin, Lehrerin, auch in Eisenerz. Eisenerz ist ein ‚Kessel‘. Dort gibt es keine Arbeitsplätze. Ich glaube, Eisenerz ist die erste Gemeinde, die den Wohnbau zurückfahren muss, weil Tausende Wohnungen dort freistehen, also in Wahrheit ein Getto. Und dorthin bringt man zum Teil die BewohnerInnen des Integrationswohnhauses – mit relativ wenig Chancen, sich zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren.
Zur Statistik: Im Schnitt sind im Integrationswohnhaus im Jahr 155 Personen untergebracht, der Durchschnittsverbleib sind 315 Tage. 2005 waren es 66 Familien. Es kommen sehr wenige Alleinstehende. Insgesamt hatten wir seit 2004 301 Personen im Integrationswohnhaus.
Die Familienstruktur wird wenig überraschen: Der höchste Anteil sind Familien mit zwei Kindern, relativ gering ist der Anteil der Familien, die mehr als fünf oder sechs Kinder haben.
Die Altersstruktur ist eigentlich relativ ausgeglichen: Erwachsene weiblich und Erwachsene männlich halten sich ungefähr die Waage, aber wir haben relativ mehr weibliche Minderjährige als männliche, was in weiterer Folge auch noch ein besonderes Betätigungsfeld werden muss.
Interessant ist vielleicht auch noch: Wir haben relativ wenige ältere BewohnerInnen, sondern überwiegend Kinder und Jugendliche. Das ist natürlich ein Problem, denn die sind jetzt ein Jahr bei uns im Kindergarten und in der Schule, und dann müssen sie wieder woanders hin und eigentlich wieder von vorne anfangen.
Zur Nationalität – das ist rein auf das Integrationswohnhaus bezogen: Der überwiegende Teil kommt aus Tschetschenien.
Zur Wohnversorgung: Wenn Menschen hier bleiben können, gibt es 80 Wohnungen über den Österreichischen Integrationsfonds; das sind diese Flüchtlingswohnungen, wo sie unterkommen. Nur wenige Wohnungen gibt es in der Gemeinde. Und wenn es in der Unterlage heißt: ‚Diakonie‘ und ‚Privat‘, so stimmt das nicht ganz. Das sind bei uns Wohnbaugenossenschaften, die diesen Menschen Unterkunft geben.
30 der ehemaligen BewohnerInnen sind im Raum Bruck/Kapfenberg geblieben, 40 nach Graz ausgesiedelt, 34 sind in der Steiermark geblieben, 33 ins restliche Bundesgebiet verzogen, und bei 23 Personen wissen wir leider gar nichts.
Was die Arbeitsversorgung angeht, sind einige in Qualifikationsmaßnahmen untergekommen, die meisten haben, Gott sei Dank, einen Vollzeitjob bekommen. Das ist auch so ein Teufelskreis, denn Teilzeitarbeit ist meistens automatisch auch der Weg in die Armut.
Ich komme zum Schluss. Wir haben in der nächsten Zeit auch zwei große Projekte vor. Das eine nennt sich ‚Heimat Kapfenberg‘ und soll der Identifizierung, dem Wiederfinden der Identität der Bevölkerung Kapfenbergs mit der Stadt dienen. Und ich denke, dass gerade hier auch unsere Zuwanderinnen und Zuwanderer einen Platz finden sollen, weil auch für sie Kapfenberg Heimat geworden ist. Und: Sie sehen das vielleicht sogar noch viel deutlicher, besser und schöner als so manche unserer Kapfenberger Mitbewohnerinnen und Mitbewohner.
Es gibt einen zweiten Arbeitskreis, der sich mit dem Thema Armut beschäftigt, und nachdem ein Viertel aller MigrantInnen von Armut betroffen ist, denke ich, dass wir uns auch mit der Frage der Armut der MigrantInnen in der nächsten Zeit ganz besonders auseinandersetzen müssen.“
Integrationshilfen aus der Sicht einer NGO
Mag. Franjo Steiner, Interkulturelles Zentrum
„Mein Beitrag beschäftigt sich mit wichtigen Aspekten von Integration aus Sicht einer NGO. Es wird, glaube ich, manchmal ein bisschen zum Ausdruck kommen, dass die Integrationsarbeit oft auch getragen ist von den ‚Mühen der Ebene‘.
Vielleicht kurz zum Hintergrund meiner Einrichtung. Das Interkulturelle Zentrum ist ein gemeinnütziger Verein, im nationalen und internationalen Bereich in Bildungsaktivitäten involviert. Speziell was die Arbeit im Integrationsbereich betrifft, machen wir interkulturelle Bildungsangebote und Beratung und Integrationsmanagement bei der Entwicklung von Integrationskonzepten.
Wir waren in den letzten 3 Jahren, von 2003 bis 2005, im Rahmen eines Equal-Projektes in vier Gemeinden in Niederösterreich mit diesen Aufgaben befasst.
Es wurde jetzt schon viel darüber erzählt, welche erfolgreichen Integrationshilfen es gibt, und es wurden auch Beispiele genannt. Es wurde betont, dass Integration eine Querschnittsaufgabe ist. Wenn wir hier im Saal die Frage zu beantworten hätten, was Integration sein soll, was Integration leisten soll – ich glaube, die Antworten würden doch noch sehr unterschiedlich ausfallen und manchmal auch noch mit Widersprüchen besetzt sein. Wenn wir hinausgehen würden und diese Frage den BewohnerInnen einer Kleinstadt stellen würden, würde dies noch einmal in verstärktem Maße zum Ausdruck kommen.
Frau Stadträtin Wehsely hat vorhin gesagt, Integration sei ein politisches Thema und müsse als solches auch kommuniziert werden. Ich glaube, dass das ein ganz wichtiger Punkt ist, weil wir dringend eine breite, sachliche Auseinandersetzung brauchen über die Integrationsthematik, die die Organisation des Zusammenlebens von ZuwanderInnen und der einheimischen Bevölkerung als Zukunftsaufgabe für Österreich zum Ziel hat. Und wir glauben, dass die Kommunen den richtigen Ort dafür darstellen, diese Kommunikation in einem geeigneten Rahmen und einer entsprechenden Art und Weise durchzuführen.
Diese Auseinandersetzung, glaube ich, hat zum Ziel, eine Haltungsänderung in der Bevölkerung herbeizuführen. Wenn wir uns anschauen, wie sich seit dem Jahr 1990 bis 2000 in etwa die Entwicklung der ausländischen Wohnbevölkerung in Österreich dargestellt hat und wir trotzdem bis vor einigen Jahren und, wenn Sie so wollen, in vielen Köpfen noch immer an der Idee festhalten, Österreich sei kein Einwanderungsland, wird deutlich, wie tief verwurzelt diese Haltung in den Köpfen der Menschen ist. Ich glaube, dass diese Nichtanerkennung von Normalität, wenn ich das so bezeichnen darf, auch das Fehlen einer klaren Zielformulierung mit sich gebracht hat, das Fehlen eines breit angelegten Diskurses, was Integration in Österreich leisten soll. Vor allem aber ist, glaube ich, und das geht mit dieser Kommunikation einher, ein klares politisches Signal notwendig, das diesen Diskurs leitet, begleitet und gestaltet.
Ich möchte in meinem Beitrag nicht auf Versäumnisse fokussieren, sondern ich möchte gerne diesen Rahmen nützen, um in die Zukunft zu blicken. Ich möchte den Fokus auf die zu leistende Integrationsarbeit der Aufnahmegesellschaft legen. Viele der verschiedenen Sichtweisen von Integration haben eines gemeinsam, würde ich meinen: Sie zielen auf Zuwanderer als aktiven Part im Integrationsprozess. Wenn Integration ein wechselseitiger partnerschaftlicher Prozess sein soll, wie wir heute schon oft gehört haben, ist die Frage: Was ist unsere Aufgabe? Wie können wir Integration mitgestalten?
Ich darf hier kurz Bezug nehmen auf die BürgermeisterInnenbefragung, wo davon die Rede ist, welche Hauptgründe für das Nichtfunktionieren oder das gute Funktionieren des Zusammenlebens die BürgermeisterInnen nennen würden. Da heißt es, und ich lese das jetzt vor: ‚Eine Nennung kann fast schon als eine Art Zusammenfassung angesehen werden: zu wenig gegenseitiges Wissen der Kulturen und Religionen und – vielleicht wegen der beiderseitigen Sprachlosigkeit – zu wenig Bereitschaft von beiden Seiten, aufeinander zuzugehen.‘
Dies zum Anlass nehmend, möchte ich einen Teil meines vorbereiteten Referates überspringen und gleich zum eigentlichen Punkt meines Beitrags kommen, nämlich zu den Rahmenbedingungen, den Integrationshindernissen, die wir in der Arbeit als NGOs in den Gemeinden erfahren haben.
Zum einen sind es unzureichende Rahmenbedingungen, wie sie in vielen anderen EU-Staaten auch vorhanden sind.
Ein wichtiger Aspekt für uns ist auch die passive Haltung der Aufnahmegesellschaft als eines der Integrationshindernisse in Bezug auf Wahrnehmung, Wertschätzung der ZuwanderInnen mit dem Potenzial, das sie mitbringen. Deshalb würde ich gerne den Fokus auf Bildung legen. Wir haben vorhin gehört, Sprachkompetenz ist ein ganz wichtiger und gewichtiger Teil der Integrationsarbeit. Ich würde sagen, Bildung ist ein ganz wichtiger Teil der Integrationsarbeit. Und wenn ich von Bildung spreche, dann gilt das sehr wohl und in ganz hohem Maße auch für die Aufnahmegesellschaft.
Wir meinen – und das ist auch aus der Erfahrung im Rahmen unserer Arbeit gewachsen –, dass die Umsetzung von Integrationsvorhaben der Entwicklung von Aufnahmekompetenz bedarf, Aufnahmekompetenz seitens der Aufnahmegesellschaft zum einen und Herausbildung ‚Institutioneller Kompetenzen‘, gut verankerter, mit strategischen und koordinierenden Integrationsaufgaben befasster Stellen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene auf der anderen Seite.
Den NGOs, wie wir eine sind, kommt im Wesentlichen die Rolle zu, den Dialog zwischen diesen Einrichtungen und den Zielgruppen der Integrationsbemühungen zu initiieren, zu moderieren und interkulturelle sowie fachliche Kompetenzen in Bezug auf die Gestaltung des Zusammenlebens einzubringen.
Wenn wir von Aufnahmekompetenz sprechen, dann sprechen wir von interkulturellen Bildungsprozessen sowohl auf institutioneller als auch auf individueller Ebene, dem Initiieren von partizipativen Prozessen, der Schaffung von gleichberechtigten Zugängen zu Serviceleistungen der Kommunen. Die Entwicklung von Aufnahmekompetenz auf kommunaler Ebene ermöglicht Integration durch Beseitigung institutioneller Hürden für sozialen Aufstieg und damit für Chancengleichheit. Es ist heute ja schon einmal angeklungen, dass das Herstellen von Chancengleichheit ein sehr wichtiger Punkt in der Integrationsarbeit ist.
Zum Zweiten ist diese Entwicklung von Aufnahmekompetenz wichtig für die Einbeziehung der ZuwanderInnen als Dialogpartner in die Problemlösungsprozesse.
Zum Dritten ist diese Entwicklung von Aufnahmekompetenz wichtig für den Abbau von Stereotypen und Vorurteilen durch interkulturelle Bildung sowohl der Mehrheitsbevölkerung als auch der ZuwanderInnen.
Ich möchte hier ein paar Beispiele für Aufnahmekompetenz nennen, die auch aus unserer Arbeit in diesen vier Gemeinden in Niederösterreich kommen.
Ich wiederhole: Aufnahmekompetenz hat zum Ziel, Kommunikationshürden zu beseitigen, Zugehörigkeit zu vermitteln und Rassismen und Diskriminierungen abzubauen. Wir glauben – und da zielen wir vor allem auf die Bildung jener Personen, die in den Verwaltungsabteilungen, im Bildungs- und Gesundheitsbereich mit integrativen Aufgaben befasst sind –, dass es für eine erfolgreiche Durchführung integrationsrelevanter Aktivitäten Kompetenzen in Bezug auf Wertschätzung anderer Kulturen und zugleich kritischer Betrachtung eigener Kultur- und Wertvorstellungen bedarf, dass es Kompetenzen in Bezug auf Umgang mit Vielfalt bedarf, dass Wissen über Antidiskriminierungsmaßnahmen notwendig ist, ebenso Wissen in Bezug auf interkulturelles Konfliktmanagement.
Wir – und das sind auch Erfahrungen – sehen, diese Kompetenzen sind erlernbar. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Deshalb ist der Bildungsbereich in diesem Kontext so wichtig. Diese Kompetenzen – so mussten wir leider feststellen – fehlen jedoch weitestgehend in den Ausbildungs- und Weiterbildungscurricula des Verwaltungsbereichs, des Bildungs- und Gesundheitsbereichs. Da gibt es einen großen Nachholbedarf.
Was bedeutet das? – Das bedeutet erstens einmal interkulturell geschulte MitarbeiterInnen in diesen Bereichen, beispielsweise im Schulbereich. Neben diesen methodischen und didaktischen Ansätzen, die hier neu zu gestalten sind, mit interkulturellen Inhalten zu füllen sind, würde das im Bereich Schule die Herausbildung interkultureller Kompetenz in Bezug auf Eltern-Kinder-LehrerInnen-Kommunikation bedeuten.
Im Wohnbereich würde sich die interkulturelle Kompetenz auf die Kommunikation zwischen Mieter und Mietverwaltung und im weitesten Sinn auch zwischen Mieter und Mieter auswirken.
Im Gesundheitsbereich ist es klar: Da würde es sich auf die Arzt-PatientInnen-Kommunikation auswirken.
Wie kann diese Aufnahmekompetenz sichtbar gemacht werden? – Bei den Kommunen sicherlich in den Serviceleistungen der Kommunen, die diese für die BürgerInnen anbieten, vor allem in den Serviceleistungen, die sie für alle BürgerInnen anbieten. Eine Grundlage dafür, um sie für alle BürgerInnen anbieten zu können, ist zum Beispiel die mehrsprachige Aufbereitung von Informationsmaterialien.
Heute ist das schon einmal angeklungen: die Erweiterung von Sprachkompetenz von Verwaltungsstellen. In Wien ist es so, dass viele Personen mit migrantischem Hintergrund in diesen Stellen arbeiten, was als ganz besonders wichtig hervorzuheben ist.
Wo wird diese Aufnahmekompetenz, die herausgebildet und erlernt werden muss, noch sichtbar? – Zum Beispiel in der aktiven Einbeziehung von ZuwanderInnen in politische Entscheidungsprozesse der Kommunen. Wir haben heute schon ein paar Beispiele dafür gehört, was das sein kann: die Nominierung von eingebürgerten ZuwanderInnen bei Gemeindevertretungswahlen an wählbarer Stelle, die Installierung von MigrantInnenkomitees – das ist heute auch schon zweimal genannt worden.
Wichtig in diesem Bereich ist, die lokalen Player mit einzubeziehen, die lokalen Player aus den verschiedenen Gruppen der ZuwanderInnen, die in den Kommunen ansässig sind.
Wie kann sich Aufnahmekompetenz noch auswirken? – Etwa im Sichtbarmachen des interkulturellen Lebens in den Kommunen. In den vier Gemeinden, in denen wir gearbeitet haben, wurde sehr viel Wert auf dieses Sichtbarmachen des interkulturellen Lebens gelegt. Es wurde versucht, das auf den Webpages der Gemeinden zu verankern. Es wurde versucht, in den Gemeindezeitungen verstärkt über dieses Thema zu kommunizieren.
Ein einfaches Beispiel aus dieser Gemeindearbeit war die Bereicherung der Stadtbücherei mit Büchern in den Sprachen der ZuwanderInnen, die Erarbeitung eines interkulturellen Kalenders mit Festtagen und Feiertagen anderer Religionen. In der Präsentation sehen Sie beispielsweise die Einrichtung eines muslimischen Gebetsraumes als Äquivalent zu christlichen Gebetsräumen oder Kapellen in Krankenhäusern. In Krems zum Beispiel gibt es einen solchen muslimischen Gebetsraum. Sie sehen die strahlenden Gesichter der AktivistInnen bei der Eröffnung dieses muslimischen Gebetsraumes. Wenn Sie aber dahinter blicken, dann werden Sie sehen, das war eine Arbeit von mehr als einem Dreivierteljahr, die dann letztendlich dazu geführt hat, dass ein Raum gefunden werden konnte, der adaptiert werden konnte und wo es wirklich einer Haltungsänderung der dort handelnden und verantwortlichen Personen bedurfte, um dieses Ziel zu erreichen.
Diese Beispiele lassen erkennen, dass der Kommunikation mit ZuwanderInnen und MigrantInnenvertreterInnen auf institutioneller Ebene große Bedeutung zukommt, dass die Kommunikation eine Voraussetzung für eine interkulturelle Öffnung des kommunalen Lebens darstellt. Oft ist es so – das sind auch Erfahrungen aus unserer Arbeit –, dass man erst dann, wenn es wo brennt, wenn Themen aufgeworfen werden, die mit einem Versäumnis in der Integrationsarbeit zu tun haben, wie im Schulbereich zum Beispiel in einer Gemeinde im Süden von Niederösterreich, aufmerksam wird, dass das der erste Ansatzpunkt ist, sich mit den Personengruppen der ZuwanderInnen auf der gemeindepolitischen Ebene zusammenzusetzen und gemeinsam Lösungen zu finden, obwohl diese Personengruppen, verankert in Vereinen und Interessengemeinschaften, seit vielen Jahrzehnten in diesen Gemeinden wohnen.
Das heißt, der Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten kommt in dieser Arbeit eine wirklich große und wichtige Bedeutung zu. Diese Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten ist wiederum Basis für die zu initiierenden dialogischen Prozesse, die eine Einbeziehung der ZuwanderInnen in das kommunale Leben zum Ziel haben. Auch da ein paar Beispiele aus unserer Arbeit in niederösterreichischen Gemeinden.
So wurde zum Beispiel in Krems ein Begegnungsraum installiert, der, selbst organisiert aus einem Kreis von ZuwanderInnen und einem Kreis aus Mitgliedern der einheimischen Bevölkerung, auch von diesen geleitet wird und wo Veranstaltungen gemanagt und durchgeführt werden. Es wurde eine Reihe von interkulturellen Festen organisiert, eine Reihe von interkulturellen Treffen, Gespräche zwischen einheimischen Personen, ZuwanderInnen und Einrichtungen der Stadtverwaltung, Einrichtungen, die mit Wohnbau zu tun haben, Erwachsenenbildungseinrichtungen. In den Gesprächen wurden interkulturelle Aspekte thematisiert und Themen angesprochen, die die jeweiligen Personengruppen, die dabei waren, in diesem Zusammenhang berührten.
Ein Beispiel aus einer kleineren Gemeinde in Niederösterreich: Dort haben MigrantInnen, ZuwanderInnen ihre Herkunftsländer in einem besonderen Kontext vorgestellt, was großen Zulauf gefunden hat.
Ein Wort noch zum Bildungsbereich. Wir haben heute gehört, dass Sprachkompetenz ein ganz wichtiger Part in der Integrationsarbeit ist. Dem kann ich zustimmen. Wir haben erfahren, dass ein Deutschkurs – in der Präsentation sehen Sie ein Beispiel eines Deutschkurses in Krems – mehr ist als das Aneignen von Sprache, dass das wirklich mit Erweiterung der sozialen Kompetenz zu tun hat. Viele andere Themen werden in diesen Sprachkursen mit eingebracht. Darum, meine ich, ist es sehr wichtig, diesen Sprachkursen, zum einen wenn es um die Sprachkompetenz geht, zum anderen aber auch um das Hereinholen von Themen, das Erweitern der Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen, großen Raum zu geben, wenn Sie in Ihren Kommunen und Städten diese Dinge planen.
Ich glaube, ich bin mit meiner Zeit am Ende. Ich möchte vielleicht nur noch auf eines hinweisen, dass es nämlich eine Vielzahl von NGOs gibt, die ganz spezifische Kompetenzen in diesen Bereichen haben. Ich würde Sie dazu aufrufen: Nützen Sie diese Kompetenzen und diese Ressourcen in Ihrer Arbeit, in Ihren künftigen Integrationsbemühungen in Ihren Kommunen!“