Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas

Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas

Im Jahr 2003 wird Graz Kulturhauptstadt Europas sein. Dafür gibt es ein umfangreiches und anspruchsvolles Programm, das auf den vielfältigen Qualitäten der steirischen Landeshauptstadt in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Technologie aufbaut und das gleichzeitig im europäischen Zusammenhang mithilft, diese Qualitäten der Stadt zu stärken.

„Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas“ wird die ganze Stadt mit ihren vielfältigen Qualitäten und ihrer innovativen Kraft ins Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit stellen. Der Zeitpunkt dafür könnte kaum besser sein. Denn Europa ist kulturell, politisch und wirtschaftlich im Umbruch. Und mit der Globalisierung gehen tiefgreifende gesellschaftliche Änderungen einher. Vor diesem Hintergrund geht es für Graz auch darum, sich als Stadt in einem größeren europäischen Zusammenhang zu positionieren. Die Konzeption der Kulturhauptstadt zielt infolgedessen nicht auf ein singuläres Ereignis, sondern versucht, der Stadt quasi einen kräftigen „Ankick“ in das neue Europa des neuen Jahrtausends zu geben. Nicht bei allem, aber bei sehr vielem, was für Graz 2003 steht, geht es deshalb auch um eine positive Signalwirkung für die künftige Entwicklung von Stadt und Land. Um so mitzuhelfen, die Strahlkraft von Graz nach innen und nach außen zu erhöhen, die guten Seiten der Stadt weiter zu entwickeln, deren Identität zu festigen und insgesamt ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Bereits jetzt infrastrukturelle Maßnahmen
Schon vor dem offiziellen Beginn hat dieser Impetus sicher auch als Anstoß zur Realisierung einer Reihe von infrastrukturellen Maßnahmen der Stadt geführt. So etwa zum Bau des Grazer Kunsthauses durch die anerkannten britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier. Zur Errichtung einer Stadthalle für mehrere tausend Personen des Grazer Architekten Klaus Kada, welche Messe-, Kongress- und Veranstaltungszwecken dienen wird. Zur Realisierung der Helmut-List-Halle, eines Literaturhauses, eines Kindermuseums, zum Umbau des Hauptbahnhofes, der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes, der Ufer der Mur oder des Hauptplatzes.

Das heißt, die Stadt reagiert mit geeinten Kräften auf diese Situation des Umbruchs. Diese Maßnahmen sind langfristig gesehen auch nötig, damit die vielseitige zivilisatorische Kraft von Kultur, die ein wesentliches Thema von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas ist, Raum für ihre Entfaltung hat.

Eine Kraft, die das Programm von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas bestimmt. Und die sich auch überall bemerkbar macht. Die „Insel in der Mur“ des berühmten New Yorker Künstlers Vito Acconci, nach einer Idee des gebürtigen Grazers Robert Punkenhofer, ist hier ebenso zu nennen wie Kunst im öffentlichen Raum. So etwa das „Schattenobjekt Uhrturm“, das dem Grazer Wahrzeichen einen Schatten verleiht oder „Die gespiegelte Stadt“, die das Meer virtuell in den Grazer Stadtraum bringt. Auch das Ankommen im Graz des Kulturhauptstadtjahres verweist darauf. Die Stadteinfahrten werden von jungen Architektenteams künstlerisch bearbeitet. Interventionen von Peter Kogler am Bahnhof und von Flora Neuwirth am Flughafen prägen durch neue Raumerlebnisse den ersten Eindruck von der Stadt.

Tiefgreifende Veränderung der kulturellen Zugangsbedingungen
Für die zivilisatorische Kraft von Kultur spielt Nachhaltigkeit eine große Rolle. Und gleichzeitig geht es darum, Graz „europaauffällig“ zu machen. Wenn Graz sich für das Jahr 2003 ein neues Gesicht gibt, dann sind ein neuer Hauptplatz oder eine Beleuchtung, die das Weltkulturerbe Altstadt ins rechte Licht rückt, nur äußere Zeichen für eine tiefgreifende Veränderung der kulturellen Zugangsbedingungen. Das beginnt ganz praktisch damit, dass alle Veranstaltungen barrierefrei erreichbar sein sollen, denn Kultur bemisst sich auch daran, wie eine Stadt mit ihren Behinderten umgeht. Das Projekt „sinnlos“ beschäftigt sich beispielsweise mit den Sinnen des Menschen, dem Fehlen eines Sinnesorgans, mit beschränkter Wahrnehmung bis hin zur Überreizung der Sinne. Kunst bietet sich an, ausgehend von einer Ästhetikdebatte des menschlichen Körpers, zu einem geänderten Bewusstsein ihm gegenüber zu gelangen. Bei „17 Grazer Kulturbezirke“ wiederum werden in jedem der Grazer Stadtbezirke unter Beteiligung der Bevölkerung kreative Prozesse in Gang gesetzt. Denn Kultur ist auch die Gestaltung der eigenen Umwelt.

In Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs kommt diese Kraft von Kultur ganz besonders zum Tragen. Der Umstand, dass Kultur heute im Standortwettbewerb der Städte eine ganz zentrale Rolle einnimmt, ein wesentlicher Aspekt im Hinblick auf die sogenannten Soft-facts ist, veranschaulicht ihren hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Kultur, wie auch immer wir sie definieren, ist so etwas wie der Stand einer Sozialisation. Kulturhauptstadt verdeutlicht deshalb auch den Glauben an die zivilisatorische Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Es geht um die Gewissheit, dass Kunst und Kultur Lebens- und Überlebensmittel aufgeklärter, demokratischer Gesellschaften sind. Kunst und Kultur sind probate geistige Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Graz zeigt mit seinen Bemühungen, dass es sich den Anforderungen, die die gesellschaftlichen Änderungen mit sich bringen, stellt. Dies auch deshalb, weil die ursprüngliche Grundidee hinter dem Kulturhauptstadtgedanken, nämlich die Völker der EU-Mitgliedstaaten einander näher zu bringen, die kulturelle Zusammenarbeit zu verbessern und neben dem ökonomischen und politischen auch den kulturellen Einigungsprozess zu fördern, heute an Brisanz gewonnen hat. Nach eigenen Vorstellungen und eigenem Vermögen soll jede Kulturhauptstadt diese Forderungen mit dem Ziel erfüllen, die Kultur der jeweiligen Stadt mit ihren regionalen Besonderheiten einem europäischen bzw. internationalen Publikum nahe zu bringen und gleichzeitig ein Bild der aktuellen europäischen Kultur zu vermitteln.

Veränderte Anforderung an die Kulturhauptstadt
War Athen 1985, die erste in der langen Reihe der Kulturhauptstädte, noch ein von einer Liebhabergruppe um die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri zusammengerufenes Festival, so handelt es sich bei heutigen Kulturhauptstädten um identitätsstiftende Ereignisse von lokaler, regionaler, nationaler und internationaler, von großer künstlerischer, gesellschaftlicher, kulturpolitischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Eine Kulturhauptstadt nach der Jahrtausendwende ist nicht einfach ein Ort, an dem ein Jahr lang Kunst stattfindet, sondern ein Topos, aus dem heraus europäischer Kultur­mehrwert geschaffen werden soll.

Wirkung über das Jahr 2003 hinaus
Ohne lokale Szene ist das aber nicht vorstellbar. Denn Nachhaltiges für die Stadt kann nur aus ihr selbst heraus entstehen. Deshalb ist auch ein wesentliches Anliegen von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas, dass Graz seine Identität und Kompetenz als Kulturstadt, die die Qualität der Stadt in allen Sparten der Kunst und kultureller Produktion schon bisher wesentlich geprägt hat, weiter festigt und zusätzlich ausbaut. Und Graz 2003 will einem möglichst großen und breiten Publikum Kultur als Mittel der positiven Lebensbewältigung anbieten. Was z. B. bei Programmschwerpunkten für Kinder, Jugend- und Populärkultur erfolgt.

Intellektuell wie wirtschaftlich ist es dabei unerlässlich, in diesem Zusammenhang im europäischen Rampenlicht eine gute Figur zu machen. Nachhaltigkeit heißt deshalb in diesem Zusammenhang auch, die kulturelle, wissenschaftliche und technologische Kompetenz der Stadt zu unterstützen und damit ihre Positionierung im europäischen Kontext zu fördern. Und ­einen wesentlichen Schritt zu einer anhaltenden Aufstockung der Kompetenzressourcen zu gehen. Die Aktivitäten, die für Graz 2003 gesetzt werden, sind deshalb auch zielgerichtet darauf angelegt, über 2003 hinaus zu wirken.

Die Stadt bietet dafür beste Voraussetzungen. Graz kann seine bestehenden kulturellen Einrichtungen, Institutionen und Festivals als kulturelle und wirtschaftliche „Trägerrakete“ für 2003 nützen. Ob „steirischer herbst“, ob „styriarte“, ob Forum Stadtpark oder „Dom im Berg“, ob die Universitäten oder der öffentliche städtische Raum. All diese Institutionen, ihre Qualitäten und ihre internationale Strahlkraft spielen neben vielen anderen – hier aus Platzgründen nicht genannten – im Programm eine wesentliche Rolle. Deshalb bündelt und stärkt die Kulturhauptstadt die Qualitäten, über die sich die Stadt definiert. Graz ist eine Stadt mit herausragender zeitgenössischer Architektur und galt lange als eine wesentliche Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur. Die Stadt verfügt über eine lebendige freie Theaterszene und eine Reihe innovativer Galerien. Die älteste akademische Jazzschule Europas befindet sich in Graz. Gleichzeitig ist ihre berühmte Altstadt Weltkulturerbe. Hier sind Baustile aus verschiedenen Jahrhunderten – von der Gotik über Renaissance, Barock, Historismus bis hin zum Jugendstil – versammelt. Graz ist aber auch eine Stadt, die seit Jahrhunderten Schnittpunkt verschiedener europäischer Kulturen ist. In der Bewerbung von Graz um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ war etwa zu lesen: „Graz liegt seit Jahrhunderten am Schnittpunkt der europäischen Kulturen. Hier konnten sich romanische und slawische, auch magyarische und germanisch-alpine Einflüsse zu einem ganz spezifischen Charakter verbinden“. Diese Tradition wird in der Stadt heute als Fundament ihrer Identität verstanden. So ist Graz auch eine Stadt des interkulturellen Dialogs. 2003 werden genau zehn Jahre vergangen sein, dass Graz den „europäischen Kulturmonat“ als erste österreichische Stadt ausrichtete. Symbolisch wie programmatisch übernahm Graz damals eine Vermittlerrolle zwischen dem konfliktgeladenen Balkan und den übrigen ost- und westeuropäischen Staaten. Nicht zuletzt aufgrund seiner geografischen Lage war Graz auch während des Kalten Krieges als nächstgelegene europäische Stadt erster Brückenkopf für Kunst- und Kulturschaffende und Zentrum der Völkerverständigung. Einige Projekte haben auch diese Multikulturalität zum Hintergrund, wie etwa „real*utopia“. Hier setzen sich künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum im Bezirk Gries, der unter anderem wegen der Vielzahl der hier beheimateten Kulturen einer der heterogensten Grazer Stadtteile ist, mit „realen Utopien“ auseinander.

Graz als Stadt der Forschung und Entwicklung
Graz ist aber auch eine Stadt, in der Forschung und Entwicklung einen großen Stellenwert einnehmen. Auch dieser Aspekte der Stadt ist Inhalt des Programms.

Wesentliche Impulse im Bereich der Wissenschaften, Erfindungen, Bildung, der Stadtentwicklung, Kunstgeschich­te, Festivalkultur, Literatur, Architektur oder der Neuen Medien gingen von Graz aus, wurden hier erstmals erprobt und umgesetzt.

Im internationalen Vergleich spielte Graz immer in der Champions League mit. In der langen Liste der Nobelpreisträger befinden sich die Grazer Viktor Heß und Erwin Schrödinger für Physik sowie Otto Loewy für Chemie. Graz ist eine Stadt mit vielen herausragenden Persönlichkeiten. Einige sind bekannt und werden immer wieder dokumentiert, andere jedoch sind nur wenigen Grazerinnen und Grazern ein Begriff. Manche sind erst spät nach Graz gekommen, manche früh aus Graz ausgewandert. Alle haben auf ihrem Weg etwas in die Stadt gebracht oder aus ihr mitgenommen.

Das Projekt „Personality Walk“ beschäftigt sich mit diesen Aspekten der Grazer Geschichte und lässt ein Netzwerk von solchen Personen entstehen, die einen starken Graz-Bezug haben.

Auf dem Sektor der Autoindustrie oder in der Autozulieferung steht Graz an vorderster Stelle, bedenkt man, dass heute weltweit fast jedes Auto mit in Graz produzierten Bestandteilen gefertigt wird. Das Projekt Showcar Show (Showcars sind Prototypen, die künftige Entwicklungen im Automobilbau zeigen) widmet sich dem Autodesign als einer kulturellen Produktion für die Allgemeinheit und bringt Showcars nach Graz. Selbst in der Weltraumforschung mit Wolfgang Riedler, mit dem europäischen Raketenprojekt Ariane, stößt man immer wieder auf Graz. Die Stadt kann sich mit vollem Recht als eine gewachsene und zukunftsorientierte Kulturstadt im Zentrum Europas bezeichnen.

Deutlich wird dies durch ein anspruchsvolles Programm auf höchstem Niveau, das aufbauend auf den vielfältigen Qualitäten von Graz in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Technologie erarbeitet wurde. Das Programm belebt, akzentuiert und verdichtet die bestehenden und die in Entstehung befindlichen Kulturinstitutionen. Es sind Projekte von nationaler und internationaler Tragweite, aber auch von lokaler und identitätsfördernder Bedeutung, die den Charakter des Kulturhauptstadtjahres 2003 prägen. Die Medienplattform im Kunsthaus ist etwa ein Beispiel dafür, wie notwendig es in Zukunft sein wird, regionale und internationale Initiativen zu bündeln. Ein eigener Sacher-Masoch-Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem Wirken einer Grazer Persönlichkeit, die bis heute international strahlt.

Ein anderes Beispiel, das hier zu nennen ist, ist das Projekt „Die Gesetze des Vaters“: Der Grazer Hans Gross war der Begründer der modernen Kriminalistik, sein Sohn Otto, ein Psychoanalytiker, starb im Gefängnis. Ausgehend von dieser tragischen Vater-Sohn-Beziehung werden die Zuschreibungen von Identitäten sowie das Verhältnis von Gesetz, Schuld und Strafe untersucht.

Kultur ist immer auch ein guter Seismograph für gesellschaftliche Änderungen. Kulturelle Arbeit und Kreativität beinhalten und fördern auch die Fähigkeit, etablierte Ordnungen in Frage zu stellen und somit auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Deshalb geht es darum, Offenheit für das Neue und Andere zu erzeugen. Denn diese Offenheit bedeutet auch, den Anforderungen einer globalisierten Gesellschaft gewachsen zu sein. Und Globalisierung – wie auch immer sie definiert wird – bedeutet auch offene Grenzen. Kultur befördert diese Offenheit. Künstler sind gleichberechtigte Partner bei gesellschaftlicher Innovation. Dies zu zeigen, ist ein Anliegen von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas, dem größten Kulturprojekt, das es je in Österreich gab.

Chance für Graz, sich neu zu positionieren
Insgesamt besteht für Graz die Chance, sich in diesem sich wandelnden Europa über die vielseitige Kraft seiner kulturellen Leistungen auf tragfähige Weise zu positionieren. Neue Lebensgefühle und neue Befindlichkeiten sind im Entstehen. Sie sind Symptom für diese Wandlungen, zeigen aber gleichzeitig neue Wege auf und eröffnen neue Chancen. Und gerade in Zeiten gesellschaftlicher Änderungen kann diese Qualität von Kultur zu einer aktiven und lustvollen Teilnahme der Menschen an den Wandlungsprozessen führen. Auf vielen Ebenen passiert in Graz in der Vorbereitung für 2003 jetzt schon ein Nachdenken über diese Phänomene – so etwa bei den Universitätsprojekten „Masterminds“ (hier werden Aspekte des aktuellen Umbruchs in Europa diskutiert) oder „ArtgoesLaw“, das sich mit Fragen des Kunst- und Kulturrechts beschäftigt.

Und die Chancen, die darin liegen, werden thematisiert. Viele Projekte (Poetik der Grenze) haben auch die strukturellen Änderungen unserer Gesellschaft selbst zum Inhalt. Einbindungen in internationale Netzwerke in vielen Bereichen (Wissenschaft, Technologie, Literatur und Kunst) tun das ihre dazu, Graz nachhaltig als einen wesentlichen kulturellen Knotenpunkt Europas zu etablieren. Ein Faktor, der auch durch Partnerschaften, wie es sie etwa in den Programmpunkten „Drei Jahrhunderte russische Musik“ mit dem russischen Dirigenten Valery Gergiev und dem Mariinsky Theater und bei „spb. bildende.diskurs.film.rock“ mit der Kulturmonatsstadt Sankt Petersburg gibt, unterstrichen wird. Ebenso wie es einige Projekte gibt, die die Beziehungen zu Südosteuropa thematisieren.

Es sind viele Aspekte, die die Qualitäten von Graz und damit auch von Graz 2003 ausmachen. Sie alle sind Thema von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas. Genauso wie die Fähigkeit von Kultur zu wesentlichen Fragen von Gesellschaft zeitadäquat Stellung zu nehmen und damit für die Zukunft gerüstet zu sein.




08. Mai 2002

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