Zukunftsprojekt - Ausbau der Straßenbahn in Graz

Zukunftsprojekt - Ausbau der Straßenbahn in Graz

Trotz schwieriger Finanzlage ist die Stadt Graz bereit, für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs die notwendigen Investitionsmittel zur Verfügung zu stellen. Die Förderung dieser Infrastrukturkosten durch den Bund lässt allerdings – im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten – weiterhin zu wünschen übrig.

 

Innerhalb eines Jahres nehmen die Grazer Verkehrsbetriebe (GVB) drei Straßenbahn-Neubaustrecken in Betrieb. Die Verkehrsbetriebe der Stadt Graz betreiben sechs Straßenbahnlinien und 26 Autobuslinien, den Großteil des innerstädtischen Nahverkehrsnetzes. 2006 wurden von den GVB 98 Millionen Fahrgäste befördert, davon mit der Straßenbahn 51,6 Millionen. Wie im Grazer Gesamtverkehrskonzept – GIVE vorgesehen, stellt der Ausbau des öffentlichen Verkehrs eine der wichtigsten verkehrspolitischen Grundsätze der Stadt Graz dar. Neben den allgemeinen Verbesserungen für den öffentlichen Verkehr, wie die Verdichtung des Fahrplanangebotes (Taktfahrplan) und der Attraktivierung des Busangebotes (Tangential-Busring) kommt dem Ausbau des Sys¬tems Straßenbahn, als Hauptverkehrsträger des öffentlichen Verkehrs in Graz, die größte Bedeutung zu. Neben dem innerstädtischen Schienenverkehr gilt auch für den übergeordneten Verkehr das Konzept Steirertakt des Landes Steiermark, den Ausbau aller nach Graz führenden Eisenbahnstrecken (ÖBB und GKB) mit dem Ziel eines S-Bahn-Betriebes im 15-Minuten-Takt, zu fördern.
Nach dem im Dezember 2003 vom Grazer Gemeinderat getroffenen Grundsatzbeschluss zum Ausbau des Systems Straßenbahn folgten im Gemeinderat die Beschlüsse für fünf konkrete Nahverkehrsprojekte (Verlängerungen der Straßenbahnlinien 4, 5 und 6 sowie die beiden Nahverkehrsknoten Don Bosco und Puntigam) als 1. Ausbaustufe des öffentlichen Verkehrs der Stadt Graz. Mit insgesamt 3,7 km Neubaustrecken ist dies die größte Erweiterung des Straßenbahnnetzes seit den 20er Jahren. In der Zeit zwischen 1951 und 1971 wurde das Straßenbahnnetz unter dem damaligen Zeitgeist der „Autogerechten Stadt“ um 11,6 km reduziert. Mit der Eröffnung der Straßenbahnlinie 6 Ende 2007, als letzte der zu eröffnenden Neubaustrecken, wird das Straßenbahnnetz in Graz wieder eine Länge von 34 km aufweisen. Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Siedlungsschwerpunkte wurden zwar mit Buslinien an den öffentlichen Verkehr angebunden, jedoch war unübersehbar, dass ein Investitionsrückstand bei der Erschließung dieser Gebiete mit einem leistungsfähigen und vor allem attraktiven öffentlichen Verkehrsmittel entstand.

Linie 5+ und Nahverkehrs¬knoten Puntigam
Als erste der drei Neubaustrecken wurde am 1. Dezember 2006 die Verlängerung der Linie 5 zum neuen Nahverkehrsknoten Puntigam in Betrieb genommen. Bislang lagen die Endstation der Linie 5 bei der Brauerei Puntigam und der Bahnhof Puntigam räumlich mehrere 100 m voneinander getrennt. Am nunmehr neu errichteten Nahverkehrsknoten bestehen nun kurze Umsteigewege zwischen der Linie 5, den Buslinien 62, 64, 78 und 80 sowie zu den Regionalzügen der ÖBB (über eine Liftanlage), die noch dazu als Gesamtanlage mit einer vom Architektenteam Zechner + Zechner aus Wien gestalteten Dachkonstruktion witterungsbeständig ausgestattet wurde.
Weiters wurde als Besonderheit die Straßenbahnlinie 5 sowohl unter der vierspurigen Triesterstraße als auch unter dem Bahnhof Puntigam auf einer Länge von 200 m in Tieflage zum Nahverkehrsknoten hindurchgeführt. Für die Weiterführung der Linie 5 zum Einkaufszentrum „Center West“ wurde ebenfalls vorgesorgt. Ausgehend vom Nahverkehrsknoten Puntigam wurde die Trasse auf einer Länge von rund 1 km errichtet, welche derzeit noch von der Buslinie 64 befahren wird. Die Kosten für die Neubaustrecke der Linie 5 betrugen rund 16 Millionen Euro, die Finanzierung teilten sich die Stadt Graz und das Land Steiermark. Mit dem attraktiven und kundenfreundlichen Nahverkehrsknoten Puntigam erhielten rund 7.000 tägliche Fahrgäste eine optimale Verknüpfung der verschiedenen öffentlichen Verkehrsmittel.

Linie 4+
Gleichzeitig mit der Eröffnung des neuen Einkaufszentrums „Murpark“ im Südos¬ten des Grazer Stadtgebietes erfolgte am 21. März 2007 die Verlängerung der Straßenbahnlinie 4. Die Endstation befindet sich unmittelbar vor dem Haupteingang des Einkaufszentrums, zwischen deren beiden Gebäudeteilen. In 21 Monaten wurde die 1,5 km lange Neubaustre¬cke mit vier zusätzlichen Haltestellen errichtet. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 14 Millionen Euro. Die Grundstücksflächen für die Schleife um das Einkaufs¬zentrum stellte der Betreiber des Ein¬kaufs¬zentrums zur Verfügung. Zugleich wurde auch eine Park-and-ride-Anlage neben dem Murpark mit 500 Stellplätzen errichtet. Günstige Kombitickets (Tageskarte 5 Euro, Monatskarte 39 Euro) sollen einen Anreiz zum Umstieg auf den städtischen öffentlichen Verkehr bieten. Ein Erfolg die¬ser Verlängerung und der Park-and-ride-Anlage scheint vorprogrammiert. Be¬trägt doch die Fahrzeit ins Stadtzentrum nur rund 15 Minuten, zudem befinden sich entlang der Linie 4 das Stadion Liebenau, das Messegelände und die neue Stadthalle. Unmittelbar neben der Endstation der Linie 4 beim Murpark ist im Zuge des Projektes Steirertakt die Errichtung des Nahverkehrsknotens Liebenau vorgesehen und bei der Ausführung des Gesamtprojektes bereits berücksichtigt worden.

Nahverkehrsknoten Don Bosco
Neben dem Nahverkehrsknoten Puntigam soll die Südbahn zwischen Graz und Spielfeld im Grazer Stadtgebiet noch einen zweiten Nahverkehrsknoten bei Don Bosco erhalten. Dieser soll die Süd- und Ostbahn mit den Buslinien 31, 32 und 33, welche den Südwesten der Stadt bedienen, verknüpfen. Weiters wurde die Errichtung der geplanten Straßenbahnlinie 8 beim Projekt des Nahverkehrsknotens berück¬sichtigt. Die Eröffnung dieser Nahverkehrsanlage, welche mit 8 Millionen Euro von der Stadt Graz und dem Land Steiermark finanziert wird, ist für Anfang September 2007 vorgesehen

Linie 6+
Ende des Jahres 2007 folgt mit der Eröffnung der Verlängerung der Straßenbahnlinie 6 die nächste Erweiterung des Grazer Straßenbahnnetzes. Die Linie 6 fährt 1,7 km vom Schulzentrum St. Peter bis ins Peterstal und erschließt ein großes Neubausiedlungsgebiet.
Die Gesamtkosten für diese Straßenbahnverlängerung betragen rund 21 Millionen Euro. Während die vorhin genannten Infrastrukturprojekte vorwiegend den Pendlern zugute kommen, bekommen mit der Verlängerung der Linie 6 mehr als 10.000 Bewohner bei den fünf neuen Haltestellen eine direkte und rasche Verbindung in die Innenstadt. Der Bau der Linie 6 ins Pe¬ters¬tal ist seit mehr als 20 Jahren in allen Verkehrskonzepten der Stadt Graz mit der obersten Priorität festgelegt. Projektgegner und Bürgerinitiativen verhinderten und verzögerten längere Zeit deren Realisierung.
Mit der Eröffnung der Linie 6 wird zwar die 1. Ausbaustufe der Straßenbahn beendet, es wurden jedoch in den vergangenen Jahren die weiteren Schritte zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs vorbereitet.

45 neue Straßenbahnwagen
Vorrangig dabei ist die Erneuerung der Straßenbahnwagen. Neben den 18 niederflurigen Cityrunnern aus den Jahren 2000/2001 und den zwölf mit einem Niederflurabteil erweiterten Gelenkwagen aus den 80er Jahren sind es vor allem die bis zu 40 Jahre alten Straßenbahnwagen, die es zu erneuern gilt. Ende 2006 haben daher die Grazer Verkehrsbetriebe 45 neue Straßenbahnwagen mit einem Kos¬tenrahmen von 135 Millionen Euro ausgeschrieben. Der Auftrag soll noch im heurigen Sommer vergeben werden, die ersten Fahrzeuge werden Ende 2009 erwartet. Zur Erhöhung der Beförderungskapazität wurde die Erweiterung der Fahrzeuglänge von 27 m auf max. 40 m berücksichtigt.

Grazer Hauptbahnhof
Als weiteres wichtiges Nahverkehrsvorhaben soll es in den nächsten Jahren zum Ausbau des Grazer Hauptbahnhofes als Nahverkehrsdrehscheibe kommen. Dabei sollen die Straßenbahnlinien 1, 3, 6 und 7 in Tieflage an den Hauptbahnhof herangeführt und der bestehende Bahnhofgürtel unterführt werden. Die Hintergründe für die baldige Umsetzung dieses Nahverkehrsvorhabens sind in den bereits bestehenden Kapazitätsproblemen der derzeitigen Straßenbahnführung zu finden. Deren oberirdische Strecke mit der niveaugleichen Querung des Gürtels und die nicht gegebene Anbindung der Linie 1 und 7 an den Hauptbahnhof führen insbesondere unter dem Aspekt des Konzeptes Steirer¬takt mit der S-Bahn zu einem „Lösungsdruck“.

2. Ausbaustufe der Straßenbahn
Aber auch der Ausbau des Straßenbahnnetzes soll in einer 2. Ausbaustufe weitergeführt werden. Die dazu vorgelegte Prioritätenreihung der Ausbauprojekte sieht innerhalb der nächsten 10 Jahre die Einreichung und zumindest die teilweise Umsetzung folgender Straßenbahnstrecken vor:
- Linie 8 Süd – Südwestlinie vom Jakominiplatz und Roseggerhaus nach Webling, 7,7 km
- Linie 8 Nord – Nordwestlinie von der ¬Keplerbrücke und Roseggerhaus nach Gösting, 4,4 km
- Linie 1 – Umlegung der Linie 1, Anbindung der Universität Graz, 1,4 km
- Linie 7 – Verlängerung der Linie 7 bis zur Billrothgasse, 0,5 km
- Auch eine Verlängerung Linie 5 zum Center West bzw. zum Nahverkehrsknoten Webling (1,7 km) wäre unter der Voraussetzung einer städtebaulichen Verdichtung dieses Gebietes denkbar.

Resümee
Die Stadt Graz hat vor allem in ihrer jüngs¬ten Vergangenheit gezeigt, dass sie bereit ist, für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs verkehrspolitisch an einem „Strang“ zu ziehen und damit auch die notwendigen Investitionsmittel bereitzustellen, was vor al¬lem unter der schwierigen budgetären Situation der Stadt Graz besondere Beachtung verdienen soll.
Tatsache ist aber, dass Landeshauptstädte wie Graz mit ihrer zunehmenden Verkehrs- und Umweltproblematik bei der Schaffung der erforderlichen Nahverkehrsinfrastruktur vor al¬lem vom Bund allein gelassen werden.
Ein Blick über unsere Landesgrenzen zeigt, dass dies in anderen Staaten (z. B. Deutschland, Frankreich) gänzlich anders gehandhabt wird. Förderungen von Infra¬struk¬tur¬kos¬ten bei Straßenbahnausbauten bis zu 90% von den zentralen Bundesstellen sind dabei mehr die Regel als die Ausnahme.
In Österreich zumindest derzeit noch ein Wunschdenken – nicht bei den U-Bahn-Ausbauten in Wien, eine 50%-Beteiligung des Bundes wurde eben wieder vereinbart. Wäre dieses „Wien-Modell“ nicht auch auf die Landeshauptstädte übertragbar?

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