Krisenvorsorge Blackout: Es ist riskant, in die Zukunft zu schauen. Aber es ist verantwortungslos, es nicht zu tun

Krisenvorsorge Blackout: Es ist riskant, in die Zukunft zu schauen. Aber es ist verantwortungslos, es nicht zu tun

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben nun auch diesen Winter wieder erfolgreich überstanden. Grund zum Entspannen gibt es leider weiterhin kaum. Die Engpassmanagementkosten sind in Österreich von 2 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 324 Millionen Euro im letzten Jahr angestiegen. Dieser Steigerungsfaktor müsste alle zum Nachdenken zwingen. Das sind nur Kosten, um den täglichen sicheren Netzbetrieb aufrechterhalten zu können. Keine Investitionen in die Zukunft. Erfreulich ist nur, dass die Übertragungsnetzbetreiber europaweit kooperativ zusammen arbeiten, wie im Beitrag "Wie potenziellen Blackout-Situationen in Europa entgegengewirkt wird" aufgezeigt wird. Diese bisher über Jahrzehnte hinweg selbstverständliche Kooperation erlebt aber nun einen beachtlichen Vertrauensbruch, welche in Form einer Netzzeitabweichung auch in den Medien gelandet ist.

Netzzeitabweichung – Folgen einer bewussten Unterdeckung im europäischen Stromversorgungssystem

Das europäische Verbundnetz zeichnet sich dadurch aus, dass es sehr genau mit 50 Hertz betrieben wird. Dadurch war es bisher auch möglich, Synchronuhren danach auszurichten. Die Netzfrequenz ist jedoch seit Anfang Jänner viel zu niedrig und damit hat am 14. März ihre bisher höchste Abweichung mit mehr als -380 Sekunden erreicht. Zur Zeit nähert sie sich zwar wieder der amtlichen Uhrzeit, auch wenn sie aktuell immer noch stark abweicht(23.03.: -294 Sekunden). Diese Abweichung wird durch systematische Fahrplanabweichungen durch den Verbundpartner SMM (Serbien, Montenegro und Mazedonien) verursacht. Ein derart systematischer und langanhaltender Missbrauch des Verbundnetzes war bisher nicht vorstellbar. Daher sehen wir das sogar deutlich schwerwiegender, als  Österreichs E-Control-Vorstand (Regulator) Andreas Eigenbauer, den die an sich als harmlos erscheinende Frequenzstörung aus anderen Gründen alarmiert: Er sieht sie als “Indikator, wie knapp man an die Grenzen herangeht”. Manche Staaten würden offenbar hart an den Grenzen fahren. Denn damit wird scheinbar die bisher so erfolgreiche Kooperation der Übertragungsnetzbetreiber offenbar aufgekündigt. Wie das bisher bestehende Vertrauensverhältnis wieder hergestellt werden kann, halten wir für außerordentlich problematisch. Das Einwirken politischer Kräfte in naturgesetzlich in der Technik ablaufende Vorgänge kennt offenbar keine Grenzen mehr und es fehlt scheinbar in der Branche an Menschen, die solches Einwirken zumindest versuchen, zu verhindern bzw. ausreichend gehört zu werden. Hier gilt, dass das Unterlassen von dringend notwendigen Hinweisen auf Naturgesetze mitschuldig macht. Denn es geht hier nicht um irgendwelche Bagatellsachen, sondern um unsere Existenz!

Bevölkerungsverhalten in Krisen und Katastrophen

Aktuelle Studienergebnisse aus dem deutschen Forschungsprojekt smarter belegen einmal mehr den Mythos Panik: "Und vor allem ist es wichtig festzuhalten, dass kopfloses, antisoziales Verhalten die Ausnahme ist, während der Regelfall die Selbsthilfe, Selbstorganisation und vor allem auch die Hilfe für Dritte ist." Hier tritt eine gravierende Fehleinschätzung über das Miteinander der Menschen zutage, die heute immer noch - allerdings mehr in Regionen außerhalb größer Städte - die Regel ist. Auch in Österreich führten Recherchen zur Widerlegung von zahlreichen Katastrophenmythen. Daher gilt es immer wieder diesen Fehleinschätzungen entgegenzuwirken, auch wenn gewisse Unsicherheitsfaktoren wie der besonders schlechte Eigenvorsorgegrad, nicht wegzuleugnen sind. Unser gemeinschaftliches Ziel muss es jedoch sein, genau derart mögliche Eskalationen möglichst lange hinauszuschieben und durch geeignete Gestaltung der Strukturen eher unwahrscheinlich werden zu lassen sowie durch Vorsorgemaßnahmen in ihren Auswirkungen stark zu dämpfen. Das geht nur, wenn wir nicht wegschauen, sondern uns aktiv einbringen. Das beginnt mit der eigenen Vorsorge, damit zumindest 1-2 Wochen kein Einkaufen nötig ist (siehe Checkliste Basisvorrat bzw. auch die überarbeitete Version von Was kann ICH tun? - Verhalten während und nach dem Stromausfall). Denn die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wird auch nach dem Stromausfall noch tagelang nicht im ausreichenden Ausmaß anlaufen! Zum anderen müssen wir als Gemeinschaft verhindern, dass speziell die Infrastruktur von Supermärkten zerstört wird. Denn das würde unweigerlich zu einer noch viel längeren Verzögerung beim Wiederanlauf der lokalen Versorgung führen. Die Sicherheitskräfte werden dafür nicht ausreichen. 

Kommunale Vorsorge

Das deutsche Forschungsprojekt „Interkommunale Konzepte zur Stärkung der Resilienz von Ballungsgebieten (INTERKOM) hat sich ebenfalls mit den Handlungsoptionen von Kommunen im Fall eines Blackouts beschäftigt. Eine vertiefende Auswertung wird es dazu im nächsten Newsletter geben. Hier ein paar Aussagen vorweg, denen wir nicht viel hinzufügen können:

Unsere Kommunen fangen – bis auf wenige Ausnahmen – erst jetzt an, sich mit solchen, durchaus realistischen, Szenarien auseinanderzusetzen. Einige wenige – etwa Dortmund – haben immerhin bereits Planungen für den Pandemiefall. In Hannover gibt es bereits sehr gute Notfallpläne für einen flächendeckenden Stromausfall. Grundsätzlich gilt: Kommunen müssen vor Eintritt des Ernstfalls Aufgaben priorisiert und Zuständigkeiten festgelegt haben. Ganz oben auf der Liste: Die Versorgung der Bevölkerung mit allem Lebensnotwendigem und das Funktionieren des Rettungsdienstes. Ganz oben auf der Liste kommunaler Maßnahmen stehtin jedem Fachbereich die Kernaufgaben in einer Krisensituation zu identifizieren, Maßnahmen zu deren Aufrechterhaltung zu entwickeln und das Handling einer Krisensituation im kommunalen Krisenstab zu üben.

Komplexe Probleme lösen – Ein Handbuch

Eine besondere Leseempfehlung haben wir für all jene, die mit komplexen und unübersichtlichen Situationen oder Planungsarbeiten zu tun haben: "Komplexe Probleme lösen: Ein Handbuch" Sollten Ihnen Aussagen wie: "Viele Versuche, ein Problem zu beheben scheitern nicht an der „falschen“ Lösung, sondern weil die Problemstellung nicht hinreichend analysiert wurde und man sich deswegen von vornherein mit dem „falschen“ Problem beschäftigt hat." oder "Es ist riskant, in die Zukunft zu schauen. Aber es ist verantwortungslos, es nicht zu tun – und ein Planen ist dann schlicht unmöglich." zusagen, dann finden Sie hier sicher weitere nützliche Hilfestellungen für Ihre Arbeit! Eine detailliertere Auswertung finden Sie online.

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Herbert Saurugg, MSc
Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen


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